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Exzess in Mönchengladbach

Unsere vierte CD sollte erst Generation xy ungelöst heißen, was unser Freund Christian vor Jahren erfunden hatte, aber unser Freund Totte sagte dann, das hätte er schon mal bei Wiglaf Droste gelesen, das war blöd, weil wer hätte uns schon geglaubt, daß unser Freund Christian der erste war und nicht Wiglaf Droste. Wir nannten sie dann “Ich brauch Personal”. Das war der einzige Songtitel auf der CD, der zum Cover passte, und an dem konnten wir auf keinen Fall noch was verändern. Wir hatten über alle uns zur Verfügung stehenden Publikationsmöglichkeiten einen Fotowettbewerb ausgerufen und um Bilder von versifften Buden gebeten. Es gab einen eindeutigen Gewinner: Süleymann Gülenoglu (Mönchengladbach) hatte das Dreckloch von Joachim Holz (Mönchengladbach) abgelichtet, und das hatte ihm den Sieg gebracht. Traumwerte sowohl in der A-Note (Fortgeschrittenheit des Verschmutzungsgrades) als auch im B-Bereich (Restästhetik). Als Preis hatten wir die Champions vereinbarungsgemäß vor die Wahl gestellt, zum Putzen oder zum Party machen vorbeizukommen. Sie entschieden sich für ein spätsommerliches Gartenfest mit uns als Liveband. Wir sollten um zwei da sein und um drei spielen, wegen der Nachbarn. Zwei Uhr ist zwar für einen Musiker asozialste Frühschicht, aber wir waren froh, daß wir nicht putzen mußten.
Am Abend vorher wurde es aus irgendwelchen Gründen spät. Ich wachte erst um viertel nach zwei auf, immerhin zuhause. Kaum hatte ich realisiert, wo ich war, wurde mir klar, wo ich sein sollte. Ich schleppte mich in die Küche zum Telefon. Süley war natürlich schon zu der Party gegangen, eine andere Nummer hatte ich nicht. Ich rief Kleinti, meinen Partner an. Der hatte seine übliche Aufwachlaune und war zu nichts zu gebrauchen. Ich hol dich in ner halben Stunde ab, rief ich noch in den Hörer, aber er hatte schon wieder aufgelegt.
Also unangekündigt zu spät kommen. Ich versuchte, mich damit zu trösten, daß sowas bei einem Sänger halt mal vorkommt. Schwamm drüber, im Zweifel gut fürs Image. Ich putzte mir die Zähne, schrubbte auch die Zunge, fett- und kohlehydratreiches Frühstück, Kanne Kaffee, Kaugummi ins Maul und ich war weitgehend fahrbereit.
Ich parkte etwas unelegant aus, dann ging es. Die Leute glauben immer, Musiker hätten nichts anderes zu tun als zu feiern und sich feiern zu lassen, aber der wahre Rock’n’Roll, das ist das Gefühl, wenn du schon wieder völlig verpennt und immer noch unzurechnungsfähig zum nächsten Auftritt rast, weil dich sonst alle schlachten. Ich klingelte Kleinti raus, sah nicht sehr frisch aus. Wir gaben dem Pferd die Sporen. Es war zwanzig nach drei, wir waren kurz vor Mönchengladbach. Ich fragte Kleinti nach der Adresse.
“Wie, ich dachte, du hast die.”
Das war ein bitterer Schlag. Glücklicherweise war uns beiden klar, daß hier ein ganz mieser Fall von Verstrickung vorlag, wir waren auch viel zu müde zum Streiten. Wir mußten da jetzt hin. Intensiv über eine Lösung nachdenken. Bei der nächsten Ausfahrt drehten wir um und fuhren Richtung Köln zurück. Damals hatten wir noch kein Handy. Vom nächsten Rastplatz aus, trotz der in Grenznähe (und, dies als kleine Randbemerkung, auch auf allen bayerischen Rasthöfen) nie zu unterschätzenden Durchsuchungsgefahr, riefen wir nochmal bei Süley an. Ohne viel Hoffnung lallte ich irgendwas auf den AB.
Wir fuhren weiter. Zwanzig Minuten bis Köln, zwanzig Minuten Zeit, uns was auszudenken, die wir jetzt auf jeden Fall zurückfahren mußten, wenn wir irgendwie vorwärtskommen wollten. Normalerweise, falls wir nicht mehr weiter wissen, rufen wir Mary an. Mary ist unsere allwissende Bookerin, die hat immer noch irgendeine relevante Nummer auf irgendeinem Zettel für uns stehen, aber Mary war aus irgendwelchen heute nicht mehr ganz genau rekonstruierbaren Gründen unerreichbar. Wir mußten uns selber helfen. Kleinti war sich sicher, daß bei ihm zuhause weder eine Adresse noch sonstirgendwas rumlag. Süley hatte nur meine Nummer. Unsere einzige Hoffnung war, daß sie mittlerweile bemekt hatten, daß irgendwas nicht stimmte, bei mir zuhause angerufen und irgendwas auf meinem AB hinterlassen hatten. Die Wahrscheinlichkeit war nicht besonders groß, aber alle anderen Wege führten völlig ins Leere. Das hieß Bonn. Eine Stunde hin und eineinhalb Stunden zurück, restverstrahlt, mit Bleifuß und mit wenig Hoffnung.
Auf dem AB war dann tatsächlich eine Nachricht, mit Adresse und Nummer, ich rief an. Eine besoffene Erstsemestergöre nahm offensichtlich unbefugt den Hörer ab, ich nannte mein Problem, sie sagte:
“Oh, bist du echt von Joint Venture, is ja irre, ey hör mal, wo ich dich jetzt grade dranhabe, muß ich dir unbedingt n Lied vorsingen, vielleicht werd ich ja entdeckt.”
“Bitte, ich muß ganz dringend Süley oder Joachim sprechen.”
Es gab einen kurzen Tumult am anderen Ende der Leitung, dann war anscheinend irgendjemand dran, der halbwegs zurechnungsfähig war und sich auskannte. Ich gab ihm einen umfassenden Überblick über unsere Lage, er gab uns die Adresse und meinte, jetzt seien zwar schon alle im Endkoma, wir sollten aber trotzdem kommen.
Wir atmeten erstmal tief durch und erreichten ohne weiteren Streß gegen halb sieben mit gut vier Stunden Verspätung unser Ziel. Ländlicher Vorort von Mönchengladbach, satte CDU-Mehrheit garantiert, in einer Nebenstraße zwischen frischgeputzten Garageneinfahrten ein einziges Haus, vor dem eine bedenkliche Menge Altglas auf der Straße rumlag. Es gab keinen Zweifel, wir waren da. Uns bot sich das gewohnte Bild einer Hundertfünfzigleuteparty im Endstadium, allerdings war es Tag, und wir waren nüchtern. Wir ließen uns die Bühne zeigen. In einem großen Raum, der wohl kollektiv genutzt wurde, war so eine Art überdimensionales Hochbett aufgebaut, der Platz, wo wahrscheinlich sonst die Gäste schliefen, die sexuell nicht zum Zuge gekommen waren. Das war die Bühne. Man mußte über eine wacklige Leiter da raufklettern, wir entschlossen uns, uns lieber heiserzubrüllen als da unsere Anlage raufzuschleppen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Entscheidung einigen Menschen das Leben gerettet hat. Wir gingen erstmal in den Garten, um uns ein bißchen zu entspannen. Überall lagen Schnapssleichen rum.
Dann spielten wir. Nach einer Weile torkelten die ersten Betrunkenen auf die Bühne, weil sie so schön einsachtzig hoch war und sprangen in ein Meer von Armen von anderen Betrunkenen. Wir wußten, daß gleich irgendetwas schiefgehen würde, einen hatten sie schon fast fallen lassen, das Hochbett wackelte beängstigend. Wir versuchten, unsere Autorität als Bühnenfiguren zur allgemeinen Beruhigung einzusetzen, aber keiner wollte was davon hören. Dann kamen endlich die Bullen und drohten mit Abbruch, das brachte ein bißchen Ruhe ins Volk. Nachdem sie wieder abgezogen waren, setzten wir unser Programm mit ein paar depressiven Balladen fort, damit sie nicht gleich wieder ausflippten. Es klappte ganz gut, wir dachten, wir hätten sie im Griff. Zur Belohnung spielten wir zum Schluß unseren Landkommunenhippiesong: alle jetzt noch mal ganz laut den Indianerchor mitsingen, und danach Ruhe für die Nachbarn, okay? Okay. Der Indianerchor war wunderbar, aber das mit der Ruhe danach war eine böse gruppenpsychologische Fehleinschätzung gewesen.
Kaum hatten wir unsere Sachen zusammengepackt, stürmte der Stamm die Bühne, hejanaa, nanaananeja, hejanaa, nanaananeja und fing an, auf der echt 68er antiken Holzkonstruktion einen Regentanz aufzuführen. Ich gebe zu, daß ich das, was dann kam, habe kommen sehen. Aber ich konnte es nicht aufhalten. Diese Menschen waren in ihrer Extase über alle gutgemeinten Ratschläge sowieso erhaben. Wir machten, daß wir runterkamen.
Ich ging mir ein Bier besorgen. Offiziell gab es keins mehr, für halbverdurstete Musiker aber inoffiziell nach einigem Palaver doch. Ich hatte es noch nicht einmal zum Mund geführt, als das Hochbett nachgab. Ich hörte es knacken, eine halbe Sekunde lang sah man die Tänzer, die grade mal wieder alle auf einmal hochgehüpft waren, noch in der Luft stehen, dann brach die Bühne mitsamt den ganzen Besoffenen zu einer Riesenstaubwolke zusammen. Wenn irgendjemand unter dem Hochbett gewesen war, war er jetzt tot.
Die Schadensbilanz war nach diesem harten Flash dann doch relativ unspektakulär. Ein Armbruch, eine Schnittwunde. Eigentlich trugen es alle mit Fassung, sogar die Gastgeber, nur die Schnittwunde war erstmal überhaupt nicht zu beruhigen. Neunzehn Jahre, weiblich, besoffen und unter Schock. Völlig hysterisch. Es war klar, daß sie mit ihrem klaffenden Sechseinhalbzentimeterschnitt unter den hygienischen Bedingungen, die hier herrschten, dringend ärztliche Hilfe benötigte. Aber sie schrie nur die ganze Zeit:
“Keinen Arzt, keinen Arzt, ihr Arschlöcher, bittebittebitte keinen Arzt. Ischwillnischinskrankenhaus.”
Als der Arzt da war, gestand sie, daß sie nicht versichert war. Sie kriegte einen Heulkrampf, aber sie ließ sich dann doch halbwegs widerstandslos abtransportieren..
So richtig hoch kam die Stimmung danach nicht mehr. Wir hingen noch ein bißchen in der Küche rum und versuchten, von dem ganzen Streß runterzukommen. Nach all dem verspürte ich das unwiderstehliche Bedürfnis, die Nacht daheim in meinem Bett zu verbringen. Wir entschlossen uns, abzuhauen. Glücklich, noch am Leben zu sein, fuhrn wir die Autobahn entlang. Es war eine wunderbare Augustnacht. Als ich in Bonn abfuhr, war es gerade mal halb zwei. Noch mehr als drei Stunden bis Sonnenaufgang, die ich saufend und kiffend bei aufgerissenem Fenster an meinem Schreibtisch sitzen und mit mir selbst Poet spielen konnte. Ich entschloß mich, auf jeden Fall noch den Umweg über die Tanke zu machen..