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Popkomm

Der Sommer 97 war der erste Sommer, in dem sich Mary, unsere unermüdliche Bookerin, um unsere Auftritte gekümmert hatte, und die für erfolglose Musiker so typische Sommerdepression wollte sich bei uns partout nicht einstellen. Wir hatten auf einigen guten Festivals in der Schweiz gespielt, unsere neue CD “unanständige lieder” verkaufte sich für unsere Verhältnisse glänzend, wir hatten seit kurzem einen Plattenvertrag und waren voller Hoffnung. Dank Marys Kontakten waren wir auch zum ersten Mal eingeladen worden, bei der Popkomm zu spielen, auf der Bühne der Stadt Köln, sonntags beim Ringfest. Es gab zwar kein Geld, aber es war eine Anerkennung aus der etablierten Szene, alle Insider, die wir fragten, meinten, wir sollten es machen.

Ein paar Tage vorher rief dann so ein Typ von RTL bei Mary an, ihnen wäre eine Band ausgefallen, ob wir nicht auf ihrer Bühne direkt auf den Ringen spielen wollten, sie hätten sich mal ein bißchen umgehört und wir seien ihnen empfohlen worden. Sonntags um vier Uhr nachmittags. Mary ahnte, daß es Ärger geben würde und fragte ihn, ob er wirklich wüßte, auf was er sich da einließ, vielleicht wären unsere Texte doch ein bißchen hart für die RTL-Bühne sonntags um vier Uhr nachmittags, wenn die ganzen Familien mit ihren Kindern da rumrennen. “Neinnein”, meinte er, “schon in Ordnung, das geht klar”. Sicherheitshalber schickte sie ihm unsere CDs. Niemand meldete irgendwelche Einwände an. Wir machten es also. Vielleicht sprang ein Fernsehauftritt für uns raus dabei.
Ich erwachte sonntag nachmittags um zwei, auf einer Wiese liegend. Ich mußte mich ein bißchen ordnen, aber dann wußte ich wieder, daß ich auf Willems Bauernhof war. Ich lebte noch, und ich war hier, alles war gut. Ich hatte zwei Tage Gruppenextremliedermaching hinter mir. Wir hatten alle Klampfbarden, die wir kannten, eingeladen, um unter dem Motto “Weiter Geist, offenes Bewußtsein” einen gemeinsamen Kreativabsturz auf Liedermacher Willems Landkommune abzuhalten. Ich war verkatert, aber immer noch extrem angeturnt von der kosmischen Dimension der letzten 36 Stunden. Gerade als ich mit einem Lächeln auf den Lippen nochmal selig einnicken wollte, fiel mir die Popkomm ein. In zwei Stunden Auftritt. Scheiße! Keine Sekunde verlieren.
Ohne Kaffee ins Auto steigen und ab nach Köln. Auf halber Strecke fiel mir meine Gitarre ein. Sie mußte noch irgendwo bei Willem liegen. 9 Ausfahrten Autobahn und 15 Kilometer Landstraße Zeit, zu rekonstruieren, wo. Vielleicht hatte ich sie sogar am Ende noch irgendeinem von den besoffenen Freaks geliehen. Noch nie hatte ich einen Auftritt verpaßt, aber diesmal war ich kurz davor. Zum Glück lag sie sauber eingepackt am letzten Fetenplatz, an den ich mich erinnern konnte.
In Köln war Popkommverkehr, ich hielt am ersten halbwegs legalen Parkplatz und stieg schwitzend in die völlig überfüllte U-Bahn. Um zwanzig vor vier war ich an der Bühne. Ich brauchte dringend ein Frühstück, aber da war so eine sonnenbankgebräunte Agenturtussi, die unablässlich auf mich einlaberte, sie wollte jetzt endlich eine Liste mit den Songs, die wir spielen würden. Ich sagte “Gleich!”, aber sie war unerbittlich. Wir kritzelten ein paar Titel hin. Ich schaffte es, ein halbes Brötchen runterzuwürgen, dann mußten wir schon auf die Bühne. Wir standen, die Gitarren in der Hand, hinter dem Vorhang und warteten, daß wir dran kamen. Da tauchte plötzlich wieder die Tussi auf, sie war noch haßerfüllter als gerade eben. “Das geht nicht, das geht nicht, das dürft ihr hier nicht spielen”. Sie fuchtelte mit dem Zettel herum und zeigte auf “Politiker beim Ficken” und “Ich schäme mich beim wichsen”. “Ihr spinnt wohl, so einen Schweinkram hier anzubringen. Wenn ihr das nicht sofort streicht, kommt ihr hier gar nicht erst auf die Bühne.” Sie war so aggressiv und wir waren immer noch ganz peaceful drauf vom Liedermacherfestival. Wir versuchten, sie zu beruhigen und versprachen ihr, dann eben was anderes zu spielen. “Wenn ihr irgendwie anfangt, auszuflippen, laß ich euch sofort den Saft abdrehen.”
So ein schleimiger Jungmoderator sagte uns an. Unser erstes Lied war damals immer “Der Esel”, den wir vermutlich nur deswegen spielen durften, weil man nicht direkt am Titel erkennen kann, daß es sich dabei um ein jugendverderbendes Kifferlied handelt. Alle Bands vor uns waren auf einer Großleinwand gezeigt worden. Bei uns stellten sie die nach dem ersten Lied aus. Das Publikum war sauer. Wir versuchten, sie ein bißchen zu beruhigen und machten mit ein paar eher kinderfreundlichen Sachen ohne schlimme Wörter oder illegale Drogen weiter.
Als die uns ausgegangen waren, spielten wir “Haschisch rauchen macht harmlos”. Das war’s dann für unsere Freunde von RTL. Ich hörte die Tussi hinter dem Vorhang rumkreischen, dann kam der Moderator auf die Bühne und meinte, es sei jetzt genug der Toleranz, RTL sei immerhin offizieller Unterstützer der Aktion “Keine Macht den Drogen” und hier würden gleich alle ihren Job verlieren, wenn wir nicht sofort aufhörten. Er war so erregt und wir waren immer noch so peaceful drauf, daß wir einfach okay sagten und gingen. Im Nachhinein betrachtet, war das wohl ein Fehler, wir hätten ihnen die Hölle heiß machen sollen, aber wir waren so perplex, daß wir erstmal lammfromm abmarschierten. Er war sichtlich erleichtert, rannte mit frischem Mut zum Bühnenrand und rief unserem Publikum ein aufrechtes “Keine Macht den Drogen zu”. Danach bewarfen ihn alle mit RTL-Buttons. Das hatte er verdient, und er konnte eigentlich noch froh sein, daß nicht schlimmeres passierte, nach diesem Spruch. Alle machten einen großen Bogen um uns im Backstagezelt. Wir packten unser Zeug zusammen, fraßen ihnen noch ein paar Brötchen weg, spuckten in den Kaffee und machten, daß wir wegkamen.