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Walter

Der Sommer 93 war eigentlich ein ganz guter Sommer. Schon im Mai gab es die ersten halbwegs erträglich warmen Nächte, wo man im Freien feiern konnte. Wir hatten festgestellt, daß uns nichts so viel Spaß machte, wie zusammen zu singen und zu klampfen und dabei kiffend einen Kasten Bier zu leeren. Aber zuhause gab es Nachbarn, die immer um halb drei, wenn man langsam warm wurde, die Bullen riefen. Das schöne Wetter kam uns gerade recht. Wir kauften Bier, gingen in den Hofgarten, setzten uns hin und klampften. Wir wollten einfach nur proben. Das Problem ist, daß es unmöglich ist, sich mit einem Kasten Bier, zwei Klampfen und einem Piece in den Hofgarten zu setzen und einfach nur zu proben. Es dauert höchstens zehn Minuten, dann stehen schon die ersten um dich rum und applaudieren dir, nur daß man sich halt nie sicher sein kann, ob sie dir nicht nur applaudieren, weil sie in Wirklichkeit scharf auf dein Bier und dein Dope sind. Und spätestens nach der nächsten Nummer fragt dich einer, ob es okay ist, wenn er sich n Bier aus deinem Kasten nimmt. Ja, sagst du, ist okay. Und für meinen Kumpel auch noch eins? Drei oder viermal genossen wir das kosmische Gefühl, dem ganzen Hofgarten einen auszugeben, dann wurde uns das Hobby zu teuer. Wir arbeiteten damals beide noch im gleichen Laden, in vergleichbar beschissenen Jobs, Kleinti als Food-and-Beverage-Trainee und Götz als Kellner im Hotel Maritim, Bonn. Es war zum Kotzen. Schlecht bezahlte Überstunden waren an der Tagesordnung. Einmal hatten wir sechsunddreißig Stunden am Stück reingeklotzt. Kongreß aufbauen, Kongreß abfüttern, Kongreß abbauen. Am Ende sah man nichts mehr von dem, was wir geleistet hatten. Es war frustrierend, aber wir waren jung, wir brauchten das Geld und keiner hatte uns nach Hause geschickt. Sie schauten ein bißchen komisch, als wir zur Abrechnung kamen, aber sie gaben uns die Kohle.

Das Schlimmste war, daß die ganze Plackerei immer nur irgendwelche Löcher stopfte. Nie blieb einem was davon. Dann hatten wir irgendwann gemeinsam eine Woche Urlaub. Wir waren pleite. Was macht man da? Wir entwickelten einen Plan. Abenteuerurlaub, A3, Raststätte Siegburg, Richtung Süden, Daumen raus auf dem Weg in ein neues Leben als Straßenmusiker.
Wir hatten zwei Parolen: “Mit vierzig Mark haben damals alle angefangen” und “Dope bringt einen besser durch die Zeiten ohne Geld als einen Geld durch die Zeiten ohne Dope bringt”.
Kleinti war damals wie so oft danach der einzige, der noch einen letzten Rat wußte, wenn es darum ging, was zu rauchen aufzutreiben. Bei der Abreise hatte er vierzig Mark und einen Zwanni in der Tasche, Götz nur vierzig Mark, dafür hatte er einen Schlafplatz bei seinen Eltern in Heidelberg klargemacht. Das Heidelberger Nachtleben ist nicht besonders, aber immerhin gibt es das Gasthaus zur Bergstraße, besser bekannt unter dem Namen Maria. Der halbe zwei vierzig, Flaschenbier, Brauhaus Gold aus Pforzheim, ein Bier, daß man außerhalb von Maria niemals trinken sollte. Man bekam da ab und zu einen echten trinkenden Philosophen zu sehen, echte trinkende Proletarier und Penner gratis dazu und immer auch ein paar sensationsgeile Studentlein, die da mit Gutmenschenattitüde ihre besoffenen Sozialstudien trieben. Einen Vorteil hatten die, sie brachten ab und zu Frauen mit. Leider schauten die meistens so, als würden sie am liebsten gleich wieder gehen.
Als wir rauskamen, hatten wir nur noch einen Mikrokrümel, kein Geld mehr, wankten aber glücklich kichernd nach Hause. Den ganzen Abend das Hinterzimmer gerockt. Wir hatten eine ziemlich gute Anfangshalbestunde gehabt, wo es sogar anscheinend den besseren Töchtern mal bei Maria gefallen hatte. Leider war uns dann so allmählich das Repertoire ausgegangen und wir hatten trotzdem nicht aufgehört, ein Charakterfehler, den wir bis heute nicht ganz losgeworden sind. Am Ende waren wir wieder mit den Säufern allein. Dafür gab uns der zahnlose Konrad auf seiner zahnlosen Blues-Harp einen zum Besten.
Nach einem appetitlosen Frühstück bei Götz Eltern fuhren wir voller Hoffnung schwarz mit der Straßenbahn in die Fußgängerzone, in die langersehnte Realität, nachdem es gestern besoffen schon so gut geklappt hatte, waren wir nüchtern vielleicht voll der Hit.
Götz kommt aus Heidelberg. Sein Job war es, sich gut auszukennen. Er war für den dekorativen Platz vor dem psychologischen Seminar. Gut frequentiert und hochgradig frauenverdächtig. Da standen wir fast eine Stunde. Das Ergebnis war niederschmetternd. Von den zwei Mark im Gitarrenkoffer jeder eine Kugel Eis. Weitermachen. Gute Laune verbreiten. Irgendwann entschieden wir uns, den Platz zu wechseln.
Nach drei Stationen hatten wir sechs Mark achtzig verdient. Das war schlimmer als unsere schlimmsten Befürchtungen. Für zwei Pils hätten wir eine Mark mehr gebraucht, wir gönnten uns ein geteiltes Weizenbier, der Rest wurde in Telefonrationen nach Hause aufgeteilt, Götz quatschte gerade mit seiner Freundin, da machte sich so ein brechtianisch gestylter Typ, der uns schon die ganze Zeit aus der Distanz zugehört hatte, an Kleinti ran.
Walter aus Berlin, seit kurzem 40, lange Geschichte. Auch mal Straßenmusiker gewesen. London, Paris, New York. Ihr müßt das anders anpacken. Kommt mal mit, ich zeig euch was. Kneipenstich. Irish Pub. Rohrbacher Straße. Zwei Kilometer zu Fuß. Der wollte uns verarschen. Aber wir hatten nur diese eine Chance. Auf dem Weg erzählte er uns seine Geschichte. Kindheit Ost-Berlin. Fluchtversuch. DDR-Knast. Freigekauft, dann nur noch life is fun, erstmal raus aus Deutschland mit der Gitarre durch die Welt. Alles überlebt. Ihr seid gut, ihr habt nur noch überhaupt keine Ahnung, wie es geht. Wir ernannten ihn für den Abend zu unserem Manager.
Im Irish Pub war keine Sau. Walter stellte uns zwei Bier hin und erzählte uns Geschichten von achthundert Mark Tageskollekte mit seiner Jim-Croce-Nummer und von der besoffenen Amerikanerin, die ihm in Covent Garden ne Hundertpfundnote ins Schallloch gesteckt hatte. Dann ging es irgendwie um Irland. James Joyce. Guiness. Kleinti erzählte was von der Spirituosenschulung, die er grade im Hotel hinter sich gebracht hatte, und wie sie auf Firmenkosten einen teuren Malt Whiskey nach dem anderen in sich reingeschüttet hätten, das sind so die beschissenen Highlights, mit denen sie einen kaufen.
Walter gab erstmal ne Runde vom teuersten Whiskey aus. Es kamen immer mehr Leute. Irgendwann meinte er, wir sollten jetzt spielen. Jungs, eigene Sachen, das blasphemische Zeug von vorhin nochmal, richtig druff, und bloß nicht die Beatleskacke. Er sorgte dafür, daß die Musik ausgemacht wurde und sagte uns an. Damals hießen wir noch Simon & Widmann. Zwei fahrende Atheisten auf der Durchreise. Wir begannen mit Assisi, gefolgt von unserer damals neuesten Nummer, Papst, dann spielte Kleinti solo Süffelmann und Götz ging mit dem Aschenbecher Geld einsammeln. Es gab fett Applaus und 48 Mark nochwas im Aschenbecher. Das war also der Weg. Wir checkten ein paar Kneipen, im Karpfen durften wir dann wieder. Es war kaum noch jemand da, aber wir gaben alles. Beim Geldeinsammeln warf uns einer nen Zehner in den Hut und meinte, das seien die Songs, auf die er seit Jahren gewartet hätte. Danach waren wir so überzeugt von uns, daß wir nochmal auf der Straße spielten, erheblich schlechter als am Nachmittag, dafür erheblich besser bezahlt. Jetzt wußten wir endlich, wie es ging. Musiker müssen am Abend zur Arbeit gehen. Nach dieser Erleuchtung führte Walter uns zu sich nach Hause und wir sangen uns gegenseitig die ganze Nacht unsere Nummern vor. Er war verdammt viel besser als Jim Croce. Zum Abschied schenkte er uns sein Piece. Es war mehr als genug für die ganze Woche. Nach dieser Nacht war klar, daß wir unserem Leben eine andere Richtung geben mußten.