Es gibt immer
ein nächstes Mal,
doch die Frage lautet:
„Reicht es nicht auch einmal?"
(unbekannter Dichter)
Irgendwann,
1993 Drei Wochen Zivildienstlehrgang. Der totale Dünnschiß! Naja.
Zuerst hatte das ja noch gut geklungen. Drei Wochen nicht im Krankenhaus
schuften, drei Wochen lang Ferien vom Ex-Beziehungsstreß, drei Wochen
lang Party! Aber von wegen. Totte fuhr einen tiefschwarzen Blues!
Villich war eines der letzten Käffer auf Erden, und die Lehrgangsstätte
sowieso! Der Bau, in dem alle untergebracht waren, teilte sich in
Drei- bis Sechsbettzimmer auf, in denen verrostete Betten aus dem
DDR-Nachlaß standen. Die Gemeinschaftsküche für alle 34 Teilnehmerwar
verdreckt bis dorthinaus, Scheibenwurst und Schmierkäse wurden von
Geisterhand einmal wöchentlich in den Kühlschrank geschoben, wo die
ungenießbaren Reste der Vorwoche schimmelten, und auf allen Etagen
herrschte Alkoholverbot.
Schöfferhoven, der Leiter dieses Institut-Furunkels, kontrollierte
ständig, es vergingen keine zehn Minuten, in denen man nicht sein
Gebrüll aus irgendeinem der Zimmer vernehmen konnte. In weiße Rollkragenpullover
gepreßt, ähnelte er einem fischbäuchigen Sumoringer, die Röte seines
Kopfes unterstrich diesen Eindruck. Choleriker, Hysteriker, alles
eben, was mit einem -eriker endet.
Zur Gänze unbegründet war Schöfferhovens Zorn allerdings nicht, soviel
mußte Totte zugeben. Es war einiges vorgefallen, in der letzten Zeit.
Mit Christoph und Lars, mit zwei hippen Discoprolls, mit denen er
bis vor kurzem das Zimmer geteilt hatte, sowie Sven, dem einzig annehmbaren
Lehrgangsteilnehmer, den er hier vorgefunden hatte, war er in die
wohl größte Schlägerei in der Geschichte Villichs hineingeraten, ehrlich
gesagt, hatten sie zu deren Entstehung nicht unerheblich beigetragen.
Nur weil Christoph, mittelgescheitelter Aggressions - Vulkan sich
mit einem Billardspieler anlegen mußte.
Sie hatten es überlebt, im Grunde waren Anschiß und Abmahnung viel
schlimmer gewesen, nur kam die Langeweile schnell wieder angetrapst,
und quälten alle Zivis rund um die Uhr.
Auch die Schwesternschülerinnen, die gleich ein Stockwerk unter den
Zivis wohnten, und dem Namen Villich alle Ehre machten, halfen auf
Dauer wenig. Es herrschte unterschwellige Wut, Neid auf die Casanovas
der Zivis machte sich breit, der Umgang wurde von Stunde auf Stunde
kühler, Eiszeit allerorten, Frustfrost undsofort. Richtig viel anzufangen
war tatsächlich nur mit Sven, dem sarkastischen Gruftie aus Bonn.
Darum war Totte inzwischen in Svens Zimmer eingezogen, einem Sechsbettzimmer,
aus dem sich jedoch nach und nach alle anderen Mitbewohner verflüchtigt
hatten. So hatten sie ein verdrecktes Reich für sich. Wie gehabt vertrödelten
sie ihre Zeit mit Musik und Alkohol, den Gottheiten unglücklicher
Seelen. Doch auch Götter werden irgendwann langweilig, und Sven war
es dann auch, der das Wort ergriff.
„Schau her, hier ist nicht mehr viel zu reißen, die Jungs sind fürn
Arsch, der ganze Lehrgang bringt nix, und auf das ständige Altbier
hier hab ich auch keinen Bock mehr."
Totte setzte die Flasche ab.
„Tja, aber was willste machen? Abhauen?"
„Am liebsten ja, nur dann müßte ich den Lehrgang noch wiederholen."
„Scheidet also aus."
„Mhm."
„Wie wärs mit Selbstmord?"
„Nee, muß was sein, was Spaß macht. Irgendwie Action, was den ganzen
Mist hier vergessen läßt." Totte trank noch einen Schluck. Sven sah
dem Vorgang angewidert zu, und fuhr dann fort.
„Der ganze Haufen hier kotzt mich dermaßen an, das kannst du dir nicht
vorstellen."
Totte sah ihn erstaunt an:
„Nicht vorstellen??" Ich kann mir das nicht vorstellen???! Was meinst
du, warum ich für jeden geschafften Tag eine Kerbe in die Schrankwand
ritze, he??"
„Darüber müssen wir auch noch nachdenken. Der Schöfferhoven will doch
am letzten Tag alle Zimmer inspizieren. Wenn der das sieht, gibt’s
richtig Streß."
„Aber wenn du so anfängst, dann überleg du dir mal, wie du dem die
Brandlöcher im Teppich erklären willst."
„Schon gut, is’ auch erstmal egal. Was ich meinte ist, wir haben doch
am Montag den einen Türken da kennengelernt."
„Den Italiener meinste?"
„OK. Von mir aus Italiener, is’ doch dasselbe. Jedenfalls hat uns
der doch Dope verkaufen wollen." Sie hatten sich am Montag in einer
Frittenbude mit Brathähnchen eingedeckt, da sie den Fraß im Heim keinen
Tag länger ihren Geschmacksnerven zumuten wollten, und vor dem Laden
hatte sie ein dicker, etwa 25 jähriger Italiener um eine Zigarette
angeschnorrt. Nachdem er sie sich mit Svens Feuerzeug angesteckt hatte,
sprach er die beiden auf Dope an. Ob sie gutes Gras kaufen wollten.
Allerdings hatte er trotz oder gerade wegen seiner teuren Angeberklamotten
keinen Vertrauen erweckenden Eindruck auf sie gemacht.
Drum war Totte nun auch ziemlich überrascht.
„Willst du von dem was kaufen? Der bescheißt doch hundertpro."
Sven zündete sich eine Zigarette an.
„Na und? Soll er doch! Scheiße, dann blechen wir halt einen Zehner
zuviel, oder so, macht doch nix. Hauptsache, wir haben was zu tun,
oder?"
„Schon Recht, lieber Herr Zimmernachgenosse. Von mir aus beschlossene
Sache. Vorausgesetzt, ich krieg jetzt, hier und auf der Stelle eine
schmackhafte Marlboro gesponsert."
Sven gab ihm die geforderte Kippe, Totte steckte sie in Brand, und
während er die ersten Züge genußvoll inhalierte, schlug Sven seine
Vorgehensweise vor:
„Also, ich denke, es bringt am meisten, wenn wir zuerst bei der Frittenbude
vorbeischauen, ob er da ist. Wenn nicht, dann..."
„Dann Pustekuchen."
„Quatsch, dann gehen wir mal..."
„Doch Pustekuchen."
„Jetzt hör’ doch mal auf! Was soll denn das??" Totte blies Rauch aus.
„Ich halte es einfach für bescheuert, ihn suchen zu gehen, wo wir
doch seine Telefonnummer haben." „Wieso haben wir die Nummer? Wir
haben doch gar nicht die Nummer! Du hast die Nummer???!" Sven war
durcheinander und Totte gab sich überlegen.
„Ich würde sogar sagen, ich habe die Nummer."
„Aber woher denn???"
„Tja, als du in deiner Freßsucht sofort rekordverdächtig losgesprintet
bist, um die Gummiadler ja nicht kalt werden zu lassen, hat er mir
noch seine Visitenkarte in die Pfötchen gedrückt. Fallse du doch kaufe
wills. Alter, is super Dope... Oder so ähnlich. Und weil ich ja nie
was wegschmeiße..."
Er drückte die Zigarette auf dem Teppich aus.
„Dann is’ ja alles roger!" rief Sven begeistert, „los mann, call him
on!"
„Yes, good ol’ Junge, I call him sofort, after pissing."
Totte stand auf.
„After pissing?"
Sven grinste:
„Arschpinkeln? Ich muß mich doch sehr über dich wundern."
Totte grinste ebenfalls
„Blödmann." sagte er. Und er ging raus.
***
Telefone
können eine feine Sache sein. Sie bilden ein Netzwerk, ohne das die
Kommunikation der gesamten menschlichen Bevölkerung erheblich erschwert,
nach gegenwärtigen Maßstäben unmöglich wäre. Weder Faxe, noch Internet,
noch sonstwas gibt uns das Gefühl, das uns ein Telefon zu geben in
der Lage ist.
Im Gegensatz zum Internet, Fax, etc. benötigt man kein Diplom, um
ein Telefon zu bedienen. Jeder Depp kann es. Man muß sich auch nicht
gänzlich darauf konzentrieren, sondern kann dabei fernsehen, musizieren,
lesen, malen, halt alles was man will. Viele Kunstwerke sind beim
Telefonieren entstanden.
Die Kosten sind erträglich, und die Telefone können dezent in die
Zimmereinrichtung integriert werden. Und wenn man nicht erreicht werden
will, hat man die freie Wahl, das Telefon einfach klingeln zu lassen,
wenn es klingelt.
Insgesamt gehört es zu den Erfindungen, die sich keiner mehr wegdenken
kann, und erst recht nicht wegdenken will. Auch öffentliche Telefone
sind ein Segen der Götter. Telefonieren ist fast überall erlaubt,
und die formschönen Telefonzellen geben uns überall alle Möglichkeiten,
die wir benötigen. Das Telefon verdient eine Laudatio, wie es sie
noch nie gab.
Telefone sind herrlich!
Nicht allerdings das Telefon, das im Erdgeschoß des Wohnheims wohnte,
und das unsere beiden Lieblinge nun aus zweifelhaften Gründen zu benutzen
gedachten.
Die Kabine stank nach Urin und Kot, getrocknete Rotzfäden und Kaugummireste
klebten am Glas und auf dem Boden, die Telefonbücher fehlten, waren
gewaltsam herausgerissen worden, und der Hörer war verdreckt und pappte
an der Haut. Außerdem war es gierig. Es fraß Groschen. Fünfmal mußte
Sven dagegen treten, bis die Groschen endlich durchfielen, und das
Freizeichen aus dem Hörer tönte. Totte wählte die Nummer. Das Telefon
ließ die Zahlenkombination durchrattern, wie und wohin sowas auch
immer geht, dann tat das Telefon, was ein Telefon in solchen Fällen
tut; es tutet:
tut- tut- tut `bing´
„Ja?"
„Hallo?"
„Ja? Hallo?"
„Hallo...?"
„...Ach, dann leck’ mich!"
-Klick!-
„Was war das denn?!" Sven war fassungslos.
„Der hat einfach aufgelegt." erklärte Totte. Für ihn war das klar.
Sven wurde puterrot.
„JA, DASS WEISS ICH AUCH, DASS DER AUFGELEGT HAT, ABER WAS WAR DAS
AUCH FÜRN DÄMLICHES GESPRÄCH???!"
„WAS HEISST HIER `DÄMLICHES GESPRÄCH´, ICH HAB KEINE AHNUNG, WAS MAN
SICH UNTER DEALERN SO ERZÄHLT!!!"
Totte war nun ebenfalls stinkwütend, und Sven lenkte auch ein, nicht
zuletzt, weil gerade zwei Schwesternschülerinnen an der Zelle vorbeikamen
und sichtlich bemüht waren, die Diskussion mitzubekommen.
„Okay, okay, aber du mußt doch zugeben, 15mal `Hallo´ in den Hörer
zu brüllen, gehört nicht zu den Meisterzügen telefonischer Kommunikation."
„Ich wollte ja auch was ganz anderes sagen, aber als er sein `Ja?´
in den Hörer brüllte, hatte ich einfach ‘nen Blackout."
„Du hattest ‘nen Blackout beim Telefonieren???"
„Yep."
„Dein Ernst???"
„Nochmal Yep."
„Komm, gib’ her die Nummer!!!"
Sven riß Totte die Visitenkarte aus der Hand, und schnappte sich den
Hörer. Dasselbe Spiel noch mal von vorne.
tut-tut-tut-`bing´
„JA?"
„Hallo?"
„GEHT DAS SCHON WIEDER LOS???"
„Nee, nee, hier is’ Sven."
„Und?"
„Ja, ich weiß nicht, wir haben uns doch an der Frittenbude getroffen..."
„Frittenbude? Wann?"
„Äh, Montag, glaub’ ich, auf jeden Fall hast du uns was angeboten."
„Moment mal... Am Montag?"
„Ja."
„Ihr wart zu zweit?"
„Genau."
„OK. Wann, wo?"
„Phh, halb acht an der Frittenbude?"
„In Ordnung, aber nur einer von Euch, klar?"
„OK."
„Und pünktlich."
„Alles klar."
„Gut, bis dann."
„Ja, bis dann. Tsch..."
-Klick!-
„Mannomann" seufzte Sven, nachdem er aufgelegt hatte, „der fährt vielleicht
‘nen Gangsterstil." „Wieso?"
„Naja, also erstmal voll auf geheimnisvoll, und dann soll nur einer
kommen, und..."
„Am besten noch, Treffpunkt Mitternacht, ohne Waffen, oder so, hm?"
Totte mußte lachen.
„Laß man" antwortete Sven „wir bringen den Scheiß hinter uns, und
dann zum Teufel mit dem Spinner."
„Na gut, aber wer geht?"
„Unnötige Frage, mann, ich hab’ angerufen, und du kommst raus!"
„Aber nur, wenn wir erstmal aus der Kabine rauskommen, sonst werd’
ich krank, und du mußt gehen:" Sie verließen die Kabine. Auf dem Weg
zum Zimmer klärte Sven Totte über Treffpunkt und Uhrzeit auf.
Wieder im Zimmer angekommen, schmissen sie die Kohle zusammen, 50
DM, und warfen sich aufs Bett.
„Und bis dahin, was nun?" fragte Totte.
„Wie gehabt, würd’ ich vorschlagen, Altbier und ein wenig Sonic Youth,
zur Einstimmung." „Gebongt!" War’s auch.
***
Zehn vor acht, vor der Frittenschmiede.
Totte drehte sich eine Zigarette, steckte sie an, und versuchte, das
Streichholz in den Mülleimer zu schnippen. Daneben. Es war schon dunkel,
und Totte fror. Wo blieb der Kerl? Aus Langeweile hatte sich Totte
an der Bude zwei Diebels gekauft, nun war er angenehm betütert, und
hatte überhaupt keine Lust mehr, in der Kälte rumzustehen. Die Frittenstation
befand sich direkt im Zentrum Villichs, gleich zwischen der Einkaufspassage
und dem Kneipenviertel. Dennoch wirkte die Ecke wie ausgestorben,
hin und wieder lief ein Pärchen hier vorbei oder deckte sich irgendein
Teenager mit Pommes ein. Ansonsten nix los.
Totte hatte eh nicht soviel Lust auf Grass, vor allem nicht, wenn
man davon ausgehen konnte, daß es sich um extrem miesen Stoff handeln
würde. Außerdem hatte er keinen Bock auf irgend so ein wichtigtuerisches
Arschloch, das aus jedem Krümel eine rituelle Handlung machte. Er
beschloß, noch zehn Minuten zu warten, wenn der Kerl bis dahin nicht
auftauchen sollte, dann scheiß drauf.
Er schnickte den Zigarettenstumpen weg, da bog ein alter weißer Mercedes
um die Ecke. Er hielt, und der Italiener kurbelte das Fenster raus.
„Ach herrjeh" dachte sich Totte „hier treffen ja alle Klischees zu.
Gleich zischt er bestimmt noch ein großkotziges `Steig ein!´ zu mir
rüber."
„Steig ein!" zischte der Italiener. Totte verdrehte die Augen, und
stieg ein.
Er plazierte sich auf den Beifahrersitz, und der Italiener stochte
los.
Sie fuhren aus dem Ort raus, über die Schienen, Felder entlang. Der
Italiener blieb stumm.
„Hör’ mal, wo soll’s denn hingehen, Meister?" fragte Totte. Ihm gefiel
die Situation nicht.
„Wart’s ab."
„Jetzt mal locker, so nicht. Rück die Infos raus, oder wir lassen
das Ganze, ja?"
„Hey man, ruhig bleiben! Siehst du die Häuser da vorne? Da fahren
wir hin, und holen das Dope." „Und das hättest du nicht schon vorher
besorgen können, nein?"
„Paß auf, das Zeug gibt’s nur gegen Kohle, und die hast nun mal nur
du, klar?"
Jessas, was für ein Arschloch, dachte sich Totte, preßte aber nur
ein „Klar." raus.
Sie fuhren weiter. Nun wurde der Italiener plötzlich gesprächig.
„Weißt du, darfst du nich’ persönlich nehmen. Das gibt sonst Höllenstreß,
wenn ich das hole, und dann keiner kauft, ne?"
„Wieso?"
„Ja Mann, ist eine gefährliche Sache! Sind wir Profis, Mann!"
„Jaja, klar, Mafia, oder was?"
„Ich sage dir, frag’ nicht genauer nach. Liegst du mit Mafia gar nicht
so falsch. Aber frag nicht weiter."
Nee, keine Bange, dachte Totte. Ihm wurde das alles zu blöde. Erst
spielte der Italoman den Unansprechbaren, dann gab er sich plötzlich
jovial, und jetzt die Krimigeschichten. Für einen angetrunkenen Totterich
war das zuviel. Er nahm eine von den Kippen, die ihm der Italiener
nun anbot, und drückte sich rauchend in den Sitz.
Sie kamen an. Es war eine typische Häusersiedlung. Ruhige Straßen,
viel Grünzeug, halt so, wie es für solche Anbausiedlungen symptomatisch
ist. Hohe Flachdachbauten, und Zweifamilienhäuser wechselten sich
ab. Sie hielten am Straßenrand, gleich vor einem großen Mietshaus.
„OK, wart’ du hier beim Auto. Ich hole das Zeug."
„Mhm."
Totte blieb sitzen, aber der Italiener machte keine Anstalten, zu
gehen.
„Was issen noch?" fragte Totte maulfaul.
„Ja brauch ich noch die Kohle!"
„Die Kohle?"
„Hab’ ich doch eben schon gesagt!"
„Ja jetzt Moment!" Totte richtete sich auf „Stoff gegen Geld, ist
ja wohl klar, oder?"
„Nee, so nicht!!"
„Anders aber auch nicht! Paß auf, hol du den Typen mal her, dann kann
ich das hier gleich mit dem machen!"
Der Italiener war zwar keineswegs einverstanden, sah aber auch keine
andere Möglichkeit zur geschäftlichen Transaktion.
Er seufzte und stieg aus. Eine schwarzhaarige, etwa 18jährige Modebraut
passierte soeben den Wagen. Der Italiener kannte sie scheinbar: „Hey
Michaela!" rief er ihr hinterher.
Sie drehte sich um.
„Ach, Angelo, machst du denn hier?"
„Ich will zu Toni."
„Wieder mal die alte Masche, hä?"
Angelo, der Italiener nickte.
„Und du?"
„Ich geh’ zu Stefan."
„Waas, Stefan??? Der Schlappschwanz?? Was hast du mit dem zu tun???"
„Ja was?" sie machte eine vielsagende Geste.
„Der kann doch voll nix, ey, der hat doch nur ‘n Minischwanz!"
„Am Anfang schon." gab Michaela zu, und lächelte smart.
Angelo war schockiert. Totte stieg nun auch aus dem Wagen.
„Bist du mit Angelo hier?" fragte Michaela
Bevor Totte antworten konnte, sagte Angelo:
„Ja, wegen, du weißt schon..." „Aha." Sie musterte Tottes Kutte, an
der Bandembleme und Sticker befestigt waren.
„Was hörst du denn so? Metal oder Punk?"
„Tja, Fragen über Fragen." antwortete Totte.
„Äh, also Metal, hm?" resümierte Michaela.
„Nee, Punk." rechtfertigte sich Totte.
„Naja, immerhin." meinte sie.
Sie sah ihn belustigt an, oder war es mitleidig?
Angelo hatte sich immer noch nicht über die Sache mit Stefan beruhigt.
„Ey, was willst du von Stefan, he? Der will nur ficken, und sonst
nichts! Der is’ ein Arschloch! Und du? Bist du Nutte, oder was?"
„Ja, ich bin eine Nutte, Mensch! Ich fick’ von mir aus mit jedem,
is’ mir scheißegal, eh!" Ihre Augen funkelten zornig und provokant.
Totte konnte sich einigermaßen zusammenreimen, was da lief. Angelo
hatte Michaela sicher schon mal angebaggert, vielleicht sogar mal
eine Nummer geschoben mit ihr, war aber ansonsten abgeblitzt. Leute
wie Angelo können sowas leider nur schlecht verarbeiten, und so mußte
ja jeder andere Typ, mit dem Michaela abging, ein Arschloch, oder
Hurenbock oder sonstwas sein. Und Michaela eine Nutte, logisch.
Totte selber bekam durch das ganze Geschwätz der beiden eigentlich
selber Lust, Michaelas Qualitäten anzutesten, irgendwie reizten ihn
sowohl ihre verbalen Obszönitäten, als auch ihr billiges Discomädchen-Outfit.
Hach, menno, dachte er, daß wär’ doch mal eine spannendere Sache,
als auf’s Wochenende warten zu müssen, um endlich mal wieder die linke
Hand arbeiten zu lassen!
Da er weiter nichts zu tun hatte, als der Diskussion zwischen den
beiden zu lauschen, ließ er seine Gedanken dorthin treiben:
„Hey Angelo, paß mal auf, während du jetzt das Dope holst, kann mir
Michaela ja einen blasen, oder?" würde er sagen.
Angelo wäre damit natürlich einverstanden, er würde sich sogar extra
viel Zeit lassen, damit Totte es richtig genießen könnte.
Michaela würde lächeln, und sagen: „Au ja, gute Idee, ‘nem Punk wie
dir wollte ich schon immer mal den Saft aus dem Schwanz lutschen!"
Sie würden es sich in Angelos Karre bequem machen, und Michaela sich
über ihn beugen und es ganz langsam, bis zum feuchten Ende machen...
Totte schüttelte den Kopf. So ein Unsinn! dachte er sich, ich hab’
echt nur Scheiße im Hirn. Selbst wenn sie und Angelo damit einverstanden
wären, erstens würde ich mich nie trauen, einen solchen Vorschlag
zu machen, und zweitens bekäme ich vor Verklemmtheit dann nicht mal
einen Ständer. Er spöttelte noch ein wenig über sich, drehte sich
eine Zigarette, und beschloß dem Gespräch weiter zuzuhören. Dieses
war gerade bei einer Beschreibung Michaelas von einer Party angelangt:
„Echt, das war voll pervers, ey! Ich kam so um zwölf dahin, und alle
waren da voll am Sex machen!! Sogar die Agnes, die voll Verklemmte,
ey, sonst kricht die nich’ die Beine auseinander, aber da?" Michaela
konnte es nicht fassen. „Mit’m Ulli, aber voll die perverse Stellung!!!"
Totte rieb sich die Augen. Das hier muß bald ein Ende haben, sonst
verklopp ich Michaela und besteige Angelo! Er bemühte sich, seine
Gedanken in Richtung Drogenkauf zurückzuleiten, und glücklicherweise
verabschiedete sich Michaela auch bald von Angelo, der sich wieder
dem eigentlichen Unterfangen zuwandt.
„Also paß auf: OK. Ich hol’ jetzt den Typen mit dem Dope. Du wartest
hier." „Na logisch, wo auch sonst." antwortete Totte. Er setzte sich
zurück auf den Beifahrersitz. Angelo verschwand in dem Mietshaus.
Totte schloß die Augen, und nutzte die Wartezeit, um herauszufinden,
warum er nie auf solche Sex-Parties eingeladen wurde, ach was, warum
er nicht mal irgendwen kannte, der sowas überhaupt machen würde. Er
beschloß, wenn die ganze Sache hier gelaufen war, würde er für eine
halbe Stunde unter der Dusche verschwinden. Tja, wenigstens die Gedanken
sind frei, dachte er sich und öffnete die Augen. Was er sah, ließ
ihn allerdings sein Vorhaben sogleich vergessen, denn vor seiner Tür
standen vier bullige Italiener. Hinter ihnen: Angelo. Der grinste
fies, im Gegensatz zu seinen Kollegen. Die funkelten ihn nur kalt
an.
Einer riß die Türe auf, ein anderer zog Totte an den Haaren aus der
Karre.
„AU, HEY, WAS SOLL DAS?" brüllte Totte, gleich darauf bekam er einen
Bastard von einer Ohrfeige, die ihn weiterer Fragen entband.
Er flog gegen den hinter ihm stehenden Typen, der ihn in einen Würgegriff
nahm. Der Haarzieher wuchtete ihm noch eine in den Magen, worauf Totte
zusammensackte.
„Meine Fresse" keuchte er, „soviel wie in Villich hab’ ich noch nie
einstecken müssen. Was ist mit euch Typen los?"
„Okay." Einer der vier ergriff das Wort: „Du willst Dope, weigerst
dich aber zu zahlen, hm?"
„Aber das stimmt doch gar nicht..." protestierte Totte.
„Schnauze, Arschloch!" wurde er angepfiffen. „Wer ein Geschäft nicht
auf unsere Art machen will, hat verschissen, klar?"
Totte sah an dem Typen hoch. Er war dick, und sah nicht besonders
kompromißbereit aus. Er ergab sich, und nickte nur.
„Alles klar." der Dicke wand sich an Angelo „Wieviel hat er bei sich?"
„Er wollte für fünfzig." beeilte der sich zu erklären.
„Na, wollen mal sehen." fuhr der Dicke fort. Und zu Angelo: „Schau
in seine Brieftasche!"
Totte wehrte sich nicht. Er war mit der Welt fertig, und die Welt
mit ihm. Angelo zog ihm das Portemonnaie aus der Gesäßtasche, und
zählte das Geld. Nur die Scheine.
„Siebzig Kröten." sagte er, und gab sie dem Dicken.
„Mhm, das reicht." Der Dicke drückte Angelo einen Schein in die Hand
und steckte den Rest ein. Dann sprach er zu Totte: „So! Paß auf, wenn
du uns verpfeifen willst, du kannst es natürlich versuchen. Es wird
aber nur bei einem Versuch bleiben. Vielleicht noch ein kleiner Tip
von mir: Versuchs nicht!"
Er schnippte mit den Fingern, worauf sich zwei Italiener Totte packten,
und ein paarmal in seinen Magen schlugen. Totte klappte zusammen,
und rang nach Luft. Er mußte würgen, und ein paar Tropfen Galle verließen
den unruhigen Körper.
„Alles klar?" fragte der Dicke, „wir verstehen uns, nicht wahr?"
Totte konnte nicht antworten, doch dem Dicken war das eh egal. Der
befahl nun Angelo: „Okay, du kannst jetzt fahren. Hast du gut gemacht.
Bis bald!" Angelo suchte gerade Tottes Brieftasche nach seiner Visitenkarte
ab. Er fand sie, und schmiß das Portemonnaie neben Totte auf den Bürgersteig.
„OK, Toni, mach’s gut, ja?" Er stieg in den Wagen und brauste ab.
„Ach ja!" fiel es dem Dicken ein. „wir wollen ja nicht, daß du denkst,
du seist beschissen worden. Hier." Er steckte etwas in Tottes Jackentasche.
„Alles klar, bleib’ sauber, mein Freund." Er lachte, und die vier
verschwanden dahin, wo sie hergekommen waren.
Totte holte tief Luft. Er drehte sich mit zitternden Fingern eine
Zigarette, gab ihr Zunder, und atmete langsam und vorsichtig den Rauch
ein. Dann brach er zusammen. Er heulte. Heulte seine Angst und seinen
ganzen Haß raus. Die Heulgeräusche, die seinen Mund verließen, kamen
nicht aus dem Bauch, sie kamen direkt aus der Hölle. Er weinte und
weinte, und setzte den ganzen Bürgersteig unter Wasser. Er schuf einen
neuen Ozean.
Er weinte, bis er heiser war, und ausgetrocknet. Einige Fenster wurden
geöffnet, und Voyeure des Alltags begutachteten ihre Gratis-Realityshow.
Einige hatten den ganzen Vorgang mitbekommen, aber sooo neu war die
Vorgehensweise für die meisten Anwohner hier auch nicht. Es war in
Ordnung, so wie es war. Es war nur ein Spaß, natürlich! Kein Mensch
würde für die paar Mark einen solchen Aufstand machen, nein! Nur ein
Machtbeweis! Jux, flugs, Glucks...Totte beruhigte sich krampfhaft.
Irgendwie... Beruhigen!... Durchatmen... Es wird alles wieder gut,
bitte bitte, alles wieder gut werden... alles.. wieder...gut...Er
wischte sich den Rotz von der Nase, griff sich seine Brieftasche und
stand langsam auf.
Ihm tat der Magen so weh. Aber es muß ja weitergehen, heehee... Villich
ist ein heißes Pflaster, heehee!... Hier wird man zum Mann, heehee!
Aua. Heehee
Er ging langsam los. Richtung Villich. Dabei drehte er sich eine neue
Zigarette. Kramte in seiner Jackentasche nach dem, was ihm der Dicke
da reingetan hatte.
Ein kleines, durchsichtiges Plastiktütchen.
Grass war drin. Etwa ein Gramm.
Marktwert ungefähr zehn Mark.
Er lachte schrill, er lachte kirre und setzte seinen Weg fort. Speichelfäden
hingen ihm aus dem Mund. Er bemerkte sie nicht. Er hatte noch viel
vor sich.
***
„Wo warst du denn die ganze Zeit?" fragte Sven, als Totte zur Tür
hereingetorkelt kam. Und, als er ihn sah, rief er: „Wie siehst du
denn aus???"
„Laß mich mal bitte gerade." Ächzte Totte, „bitte nur einen Moment."
Er ließ sich auf sein Bett fallen, und atmete schwer. Sven sah ihn
nur an. Keinen Ton. Totte sah furchtbar aus. Seine Augen waren verquollen,
er schien geflennt zu haben. Er war verschmutzt und stank nach Schweiß.
Totte starrte einige Minuten starr die Zimmerdecke an, stöhnte dann
auf, und setzte sich auf die Bettkante.
„Hast du mal ne Zigarette?" fragte er. Sven zündete zwei an, und gab
ihm eine.
„Danke." flüsterte Totte, „ist vielleicht noch ein Bier da? Ich brauch’
dringend was zu trinken."
Auch das bekam er. Er nahm gierig einen tiefen Schluck, dann konnte
Sven seine Neugierde nicht länger zurückhalten: „Jetzt erzähl’ doch
mal! Was ist denn passiert?"
„Okay", kam es gepreßt von Totte, „also zuerst mal: hier das Dope."
Er kramte das Tütchen raus, und warf es Sven zu. Der fing es, und
betrachtete es, als wäre es ein Wolpertinger.
„Was soll das denn sein???"
„In Fachkreisen nennt man es Marihuana, auch allgemein als Grass bezeichnet."
Totte blieb ernst, und auch Sven war nicht zum Lachen zumute.
„Das ist doch höchstens ein Gramm!"
„Im besten Fall."
„Aber warum?"
„Warum? Na, darum..." Er erzählte Sven die ganze unglückselige Geschichte.
Svens Augen weiteten sich zusehends. Nachdem Totte geendet hatte,
brüllte er: „Die Arschlöcher!!! Die machen wir fertig!!! Das gibt’s
doch gar nicht!!!"
Totte winkte ab: „Bringt doch nix. Was willste denn machen, he? Dir
auch die Schnauze polieren lassen? Ja?" Er war gebrochen. „Ich sag’
dir was. Ich mach’ diesen Lehrgang hier fertig, hübsch still und leise,
und dann laß ich den ganzen Dreck hier hinter mir. Ich will den ganzen
Scheiß hier nur vergessen, verstehste? Ich bin fertig damit, Sven!"
Doch Sven sah das anders.
„Hör’ doch mal Totte, wenn du da jetzt nicht eingreifst, kannst du
dich gleich einsargen lassen, Mann! Dann bist du wirklich fertig!"
„Aber ich hab’ Angst, Mensch, verfickte Angst!"
„Eben, genau deshalb!! Mann, du mußt was dagegen tun, sonst kriegst
du die Angst nie mehr weg! Nie!!"
Totte zweifelte.
„Ja aber was soll ich denn machen, he?? Kannst du mir das auch sagen???"
„Na, dann laß mal überlegen. Hm, gegen den gesamten Clan kann man
wohl nix tun, oder?" fragte Sven.
„Ha, nee! Dazu müßten wir alle Zivis hier im Haus zusammenraufen,
und da hab’ ich überhaupt keinen Bock drauf.!"
„Klar, geht nicht. Scheidet also aus. Aber mal was anderes." Sven
kam eine Idee: „Im Grunde würde es doch auch reichen, wenn wir uns
an einen halten, richtig?"
„Du meinst Angelo, ja?" „Mhm. Ich meine, der hat uns doch da reingeritten,
oder?"
„Phh..."
„Oder??"
„Eigentlich schon."
„Na also!" Sven wurde optimistisch. Auch auf Totte färbte das langsam
ab. Sven fuhr fort: „Wir haben noch eine Woche Zeit. Für uns heißt
das doch, wir müssen nur rauskriegen, wo der sich abends so rumtreibt,
und ihn da dann mal abfangen!"
„Das müßte dann aber am letzten, oder frühestens am vorletzten Abend
sein. Ich hab’ absolut keine Lust drauf, nach der Action noch in Villich
zu sein."
„Ja richtig", pflichtete Sven ihm bei, „das heißt, wir brauchen auch
eine ordentliche Portion Glück!" Totte kam ins Grübeln. „Weißt du
was, Sven? Echt, ich hab’ mich vor Villich noch nie richtig geschlagen,
und hier werde ich noch zum richtigen Hooligan. Irgendwie ist das
doch alles die Riesensuperscheiße."
Sven war seiner Meinung, meinte aber auch: „Wir haben’s ja nicht provoziert,
Totte. Hast du denn wirklich Skrupel?"
Totte ließ es sich kurz durch den Kopf gehen. „Nein!" sagte er dann,
„was sein muß, muß sein! Und wenn das nun mal gerade bei einem Zivilehrgang
sein muß, dann ist das Ironie des Schicksals!"
„Genau!" bekräftigte Sven, „hier werden Pazifisten zu Killern! Höllennest
Villich!"
„Und auf sie mit Gebrüll!" Totte lachte müde. „Aber jetzt hau’ ich
mich aufs Ohr. Zwei Stunden mußte ich bis hierhin laufen. Und kein
Arsch hat mich mitgenommen!"
„Alles klar, wie wär’s mit einer Gutenacht-Tüte?"
„Keine Einwände."
Totte legte sich zurück, und Sven baute das Teil. Wenigstens etwas.
Und morgen wäre ja vielleicht auch noch ein Tag.
***
Inzwischen war eine Woche vergangen. Nichts hatte sich getan. Angelo
hatte sich nirgends blicken lassen, war vielleicht woanders Dope verkloppen,
oder Käufer. Vielleicht war er schon tot, oder was auch immer, jedenfalls
nirgends auffindbar. Totte und Sven sahen schon ihre Felle davonschwimmen,
und kehrten zum alten Leben zurück. Sie soffen sich in den Tag, bestanden
aber die allwöchentlichen Tests. Kein Wunder, jeder bestand.
Es war Mittwoch, also zwei Tage vor ihrem Lehrgangsende. Sie saßen
verkatert auf dem Brunnenwall, der um diese Jahreszeit selbstverständlich
abgestellt war. Des Bieres reichlich überdrüssig diskutierten sie
gerade die Idee, für heute mal auf Alkohol zu verzichten, und, nachdem
sie diese Idee verworfen hatten, überlegten sie, ob man es eventuell
mal mit einem leichten Weißwein probieren sollte. Über den Vorschlag
stimmten sie ab, und gewannen mit 2:0, bei einer Wahlbeteiligung von
100 Prozent. Sie losten, wer einkaufen sollte. Totte verlor, und betrat
den Supermarkt. Er ging die Regale ab, fand den Wein, und entschied
sich für vier Flaschen Frascati. Nachdem er gezahlt hatte, trat er
ins Freie. Sven war nirgends zu sehen. Tottes Blick fuhr den Brunnen
ab, die Bänke entlang, und erschrak. Da, auf einer Bank saß Angelo.
Mit Matthias, dem ungeschlagenen Zivi-Casanova. Bevor er bemerkt werden
konnte, flüchtete er um die Straßenecke. Da stand auch Sven.
„Sag’ mal, bist du bescheuert?" japste Totte. „Warum bist du nicht
in den Supermarkt, und hast mich gewarnt?"
„Sorry, aber das ging einfach zu schnell!" entschuldigte sich Sven.
„Und jetzt?"
„Wir warten am besten, bis der Typ weg ist, dann fragen wir mal Matthias,
was der wollte."
„Und wenn Matthias nix wollte? Dann is’ der auf Nimmerwiedersehen
weg!" gab Totte zu bedenken. „Vielleicht, ja, aber wenn der sich jetzt
schon wieder traut, hier Geschäfte zu machen, dann sehen wir den hundertpro
wieder."
„Mhm, kann sein. Okay, wir machen’s so."
Sie brauchten nicht lange zu warten. Matthias stand bald auf, und
schüttelte dem Italiener die Hand. „Das is’n gutes Zeichen, o Mann,
das is’n gutes Zeichen." Freute sich Totte.
„Pst, Klappe, Mann!"
Der Italiener verschwand in die entgegengesetzte Richtung, und Matthias
bog um die Ecke, hinter der Totte und Sven lauerten.
„Hee, Matthias." Sven zupfte ihn am Ärmel.
„Hey Jungs, wie läuft’s denn so?" Matthias wirkte nervös.
„Okay, Schluß mit dem Geseire." sagte Totte, „paß auf, wir wissen,
daß der Typ dir was zum Rauchen verkaufen will."
„Ja und? Was dagegen?" gab Matthias ungeduldig zurück.
„Quatsch, normal nich’, aber - und das ist der springende Punkt -
der bescheißt, die Sau."
„Was?" Matthias wollte es nicht glauben.
„Is’ aber so.", meinte Sven gelangweilt, „Glaub’s, oder laß es, nur,
wenn du’s läßt, dann selbst schuld."
„Also euch hat der schon beschissen, ja?" fragte Matthias.
„Yes, Boy. Und darum wollen wir ihm ganz gerne noch ein paar nette
Worte in die Lauscher flüstern. Jetzt aber erstmal: Hast du ihm gesagt,
daß du hier auf’m Lehrgang bist?"
„Ich bin doch nicht bescheuert! Ich hab’ ihm erzählt, ich..." er druckste
rum, „...naja, ich wäre..."
„Nun sag’ schon!" wurde er von Totte angepflaumt.
Matthias räusperte sich: „Na, ... ‘n Schauspieler."
Totte und Sven mußten grinsen, dann brach das Lachen aus ihnen raus.
Matthias’ Eitelkeit war irre. Sogar bei ein, zwei Schwesternschülerinnen
hatte er das versucht, hatte sich einmal sogar extra zur Tarnung ein
Hotelzimmer gemietet. Zwar vergeblich, so blöde waren die Mädels ja
nun auch nicht, diesmal jedoch hätte es besser gar nicht laufen können.
Hervorragend!
„OK, und du wolltest was bei ihm kaufen, ja?" Sven wischte sich die
Tränen aus den Augenwinkeln.
„Genau."
„Und wann?"
„Heute abend wollten wir uns an der Straßenausfahrt Richtung Krefeld
treffen."
„Echt, fast die gleiche Masche wie bei uns!"
„Aha."
„Trefflich bemerkt. Sag’ mal, kannst du das auf Donnerstag verlegen?"
„Und wie?"
„Hast du seine Telefonnummer?"
„Seine Visitenkarte."
„Geil!" Totte war begeistert. „Dann erzähl’ ihm doch, dein Dreh’,
oder Film..."
„Theater."
„Heh?"
„Ich hab’ erzählt, ich wäre Theaterschauspieler. Hat mehr Stil."
„Von mir aus. Erzähl ihm einfach, der wäre vorgeschoben worden, oder
so."
„ Hoffentlich prüft der das nicht nach!" sorgte sich Sven.
„Ach was!" Matthias war sich seiner Sache sicher. „Sowas prüft keine
nach!"
„Eben: Keine! Bei ‘nem Dealer ist das aber vielleicht was anderes."
„Unsinn! Im Ernst, ich kenn’ mich mit sowas aus."
„OK! Auch egal jetzt. Leg’ das ganze auf Donnerstag."
„Ja, und dann?" fragte Matthias.
„Genau." Sven rieb sich genüßlich die Hände: „Und dann!"
***
1993,
ein Donnerstag, 20 Uhr
Der
Mercedes hielt. Matthias schnippte seine Benson weg und trat an die
Fahrertür.
„Steig ein." Zischte Angelo.
„Okay.", antwortete Matthias. Er sah sich noch kurz um. Die Straße
war verlassen, es war dunkel, und die paar Autos, die alle zehn Minuten
hier langfuhren, würden nicht stören. Matthias kannte sich, im Gegensatz
zu Sven und Totte, mit Dealern vom Schlage Angelos aus. Er kam aus
einer miesen Ecke Frankfurts, und wurde nicht so wohl behütet wie
die zwei Bonner. Allein deswegen hatte er Spaß daran, ihnen ein wenig
unter die Arme zu greifen.
Er ging um den Wagen und öffnete die Beifahrertür. Angelo ließ ihn
nicht aus den Augen, und sowas ist zwar lobenswert, aber nicht von
Vorteil, wenn sich im gleichen Moment zwei Leute an die Fahrertür
pirschen, sie aufreißen, und beabsichtigen, den völlig überraschten
Angelo aus dem Wagen zu zerren. Schön und gut, es funktionierte. Matthias
war sofort bei ihnen, und schlug dem Italiener auf die Nase. Es knirschte
vorwurfsvoll, doch es genügte, um Angelo ruhig zu stellen.
Sven und Totte schleiften ihn in eine enge Seitengasse, derweil parkte
Matthias den Wagen ordentlich, und warf die Schlüssel in die Kanalisation.
Als er bei den anderen ankam, mußte er erstmal dazwischen gehen. Totte
malträtierte Angelo mit Schlägen ins Gesicht, während Sven ihn von
hinten festhielt.
„Jetzt warte mal." Unterbrach er seine Aktivitäten, „so bringt das
nichts: Wenn du ihm nur so ein paar lächerliche Puffer versetzt, wird
er nur wütender, und knallt dir noch eine."
„Oh, wenn das so ist, Klugscheißer, dann zeig mal, wie du sowas machst."
erwiderte Totte höhnisch.
„Was auch immer ihr machen wollt, macht es bald, denn der Kerl wird
ganz schön unruhig." Er hatte allerhand mit Angelo zu tun. Matthias
war wirklich ein Glücksgriff für die beiden: Er versetzte Angelo zwei
in den Magen, so daß er zusammenklappte, trat ihm dabei mit dem linken
Knie unters Kinn, und wiederholte den Vorgang noch einmal. Angelo
rutschte aus Svens Armen, und blieb leise schluchzend liegen. Passanten
liefen an der Seitenstraße vorbei, darum hielt Totte ihm den Mund
zu. Matthias schaute um die Ecke, und kam dann zurück.
„In Ordnung, sagte er, ihr könnt weitermachen. Er bleibt jetzt auf
dem Boden liegen, darum wären Tritte wohl am sinnvollsten."
Totte gab ihm recht: „Ja, das klingt vernünftig, oder?" Er sah Sven
fragend an.
„Jau, geht klar."
Sie traten ihn von allen Seiten, gaben dabei aber acht, daß sie den
Kopf nicht so oft erwischten.
„Ich trau mich ja kaum, es zu sagen, aber das macht irgendwie ja schon
Spaß." wunderte sich Totte.
„Ich bin auch ganz erstaunt, aber das ist toll." freute sich Sven.
Matthias stand inzwischen Schmiere. Er hatte den beiden alles erklärt,
was zu erklären war, und nun fühlte er sich für die Sicherheit verantwortlich.
Sie traten nicht mehr viel. Man soll ja nichts übertreiben. Sven drehte
ihn auf den Rücken. Angelo blutete aus diversen Wunden, seine Nase
machte in Form und Farbe seinem linken Ohr Konkurrenz, welches seinerseits
versuchte, zu einem blumekohl zu mutieren.
Totte suchte seine Taschen ab, und zog schließlich sein Portemonnaie
heraus.
„Murphys Law", sagte er, „immer in der letzten Tasche." Er zählte
das Geld. 150 Mark.
Sven pfiff anerkennend: „Nicht schlecht. Komm, wir nehmen Hundert,
und damit ist die Sache gegessen."
„Blödsinn!", meinte Totte, „Wenn wir durch drei teilen, bringt das
doch nix. Wir nehmen Hundertfünfzig, denn mehr gibt’s nicht zu holen,
und außerdem teilt sich das hervorragend! Ich meine: Warum dem Goldesel
die Dukaten ins Arschloch stopfen??"
„Okay."
„Dann auf." Totte warf das Portemonnaie neben den röchelnden Angelo,
und ging zu Matthias. Der sagte noch: „Momentchen.", rannte zum Italiener,
drosch ihm ein paar ins Gesicht, und schlenderte zu Totte und Sven.
„War das noch nötig?" fragte Sven zweifelnd, doch Matthias meinte
nur: „Nötig nicht, aber schööön..."
„Ach Leute, jetzt könnte ich einen ordentlichen Joint gebrauchen."
Das war Totte. Er wirkte gelöst.
„Hat einer was da?"
„Nein.", antwortete Matthias, „mein Dealer feiert heute krank."
Sie lachten, und schlugen gemütlich den Weg zum Heim ein. Es war ihre
letzte Nacht, doch zuallererst war es ihre Nacht!
-Ende der überarbeiteten Fassung-
Torsten
Kühn tritt auch unter dem wenig innovativem Pseudonym „der
flotte Totte" in unregelmäßgen Abständen als Liedermacher in Erscheinung.
„Joint Venture" so behauptet er, „lieben mich einfach. Zwar fehlt mir
für diese These jeglicher Beweis, aber ich glaube, sie stimmt."
Totte schreibt für das Bonner Literaturmagazin „GRÖSSENWAHN"
und würde sich über Post von interessierten Lesern sehr freuen.
Außer einem Buchvertrag benötigt er dringend eine D-Seite für seine
Wandergitarre, denn er vermißt das Gitarrenspielen - im Gegensatz zu
seinen Nachbarn - doch sehr.
Erhältlich sind von ihm: Das Manuskript von „Schinken, Eier und die
Angst" 125 Seiten, Din A 4 - Format, für DM 15, sowie eine MC: „Zwischenspiel
eines (beinahe) satanischen Heavy Metal Musikers+ diverse Bonuslieder"
90 Minuten, für DM 10.
Für Kontaktmöglichkeit sorgt folgende Adresse: T. Kühn / Peter Bauer
Straße 13 - 15 / 50823 Köln / 0221-5104908