23. Januar 2001
Ab sofort ist Götz mit einer eigenen Seite im Netz: www.goetzwidmann.de. joint-venture.de und harmlos.de bleiben weiterhin online, sollen aber als eine Art Museum weitgehend auf dem Stand erhalten bleiben, wie sie Kleinti hinterlassen hat. [Impressum]

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Die erste Straßenmusiktour

Der Sommer 93 war eigentlich ein ganz guter Sommer. Schon im Mai gab es die ersten halbwegs erträglich warmen Nächte, wo man im Freien feiern konnte. Wir hatten festgestellt, daß uns nichts so viel Spaß machte, wie zusammen zu singen und zu klampfen und dabei kiffend einen Kasten Bier zu leeren. Aber zuhause gab es Nachbarn, die immer um halb drei, wenn man langsam warm wurde, die Bullen riefen. Das schöne Wetter kam uns gerade recht. Wir kauften Bier, gingen in den Hofgarten, setzten uns hin und klampften. Wir wollten einfach nur proben. Das Problem ist, daß es unmöglich ist, sich mit einem Kasten Bier, zwei Klampfen und einem Piece in den Hofgarten zu setzen und einfach nur zu proben. Es dauert höchstens zehn Minuten, dann stehen schon die ersten um dich rum und applaudieren dir, nur daß man sich halt nie sicher sein kann, ob sie dir nicht nur applaudieren, weil sie in Wirklichkeit scharf auf dein Bier und dein Dope sind. Und spätestens nach der nächsten Nummer fragt dich einer, ob es okay ist, wenn er sich n Bier aus deinem Kasten nimmt. Ja, sagst du, ist okay. Und für meinen Kumpel auch noch eins? Drei oder viermal genossen wir das seltsame Gefühl, als singende Dopeundbierlieferanten den Mikrokosmos Hofgarten mit aufflackernder Lebenslust zu erfüllen, dann wurde uns der Spaß zu teuer. Wir arbeiteten damals beide noch im gleichen Laden, in vergleichbar beschissenen Jobs, Kleinti als Food-and-Beverage-Trainee und Götz als Kellner im Hotel Maritim, Bonn. Es war zum Kotzen. Schlecht bezahlte Überstunden waren an der Tagesordnung, einmal hatten wir sechsunddreißig Stunden am Stück reingeklotzt, aufbauen, abbauen, wir waren jung, wir brauchten das Geld und keiner hatte uns nach Hause geschickt. Sie schauten ein bißchen komisch, als wir zur Abrechnung kamen, aber dann gaben sie uns die Kohle und schickten uns nach Hause. Das Schlimmste war, daß die ganze Plackerei immer nur irgendwelche Löcher stopfte. Nie blieb einem was davon. Dann hatten wir irgendwann gemeinsam eine Woche Urlaub. Wir waren pleite. Was macht man da? Kreative Kiffer entwickeln statt rumzuhängen einen Plan. A3, Raststätte Siegburg, Richtung Süden, Daumen raus auf dem Weg in ein neues Leben als Straßenmusiker. Wir hatten zwei Parolen, mit vierzig Mark haben damals alle angefangen und Dope bringt uns besser durch die Zeiten ohne Geld als uns Geld durch die Zeiten ohne Dope bringt. Kleinti war damals wie so oft danach der einzige, der noch einen letzten Rat wußte, wenn es darum ging, was zu rauchen aufzutreiben. Bei der Abreise hatte er vierzig Mark und ein zwanziger Piece in der Tasche, Götz nur vierzig Mark, dafür hatte er einen Schlafplatz bei seinen Eltern in Heidelberg klargemacht. Es gibt in Heidelberg heute keine Kneipe mehr, in die man gehen kann, aber damals hatte Heidelberg noch Maria*. Halber zwei vierzig, Flaschenbier. Man bekam echte trinkende Philosophen zu sehen, echte trinkende Proletarier gratis dazu und immer auch ein paar sensationsgeile Studentlein, die da mit Gutmenschenattitüde ihre Sozialstudien trieben. Einen Vorteil hatten sie, sie brachten ab und zu Frauen mit. Leider schauten die meistens so, als würden sie am liebsten gleich wieder gehen. Als wir rauskamen, hatten wir nur noch einen Mikrokrümel, kein Geld mehr, waren aber völlig glücklich. Wir hatten den ganzen Abend gerockt. Es hatte eine echte Highlighthalbestunde gegeben, wo es sogar anscheinend den Studetenbräuten mal bei Maria gefallen hatte. Leider war uns dann so allmählich das Repertoire ausgegangen und wir hatten trotzdem nicht aufgehört, ein Charakterfehler, den wir bis heute nicht ganz losgeworden sind. Am Ende waren wir wieder wie so oft schon mit den Säufern allein. Immerhin brachte der zahnlose Walter seine La Paloma-Nummer auf seiner zahnlosen Mundharmonika ein ums andere mal nur für uns. Nach einem appetitlosen Frühstück bei Götz Eltern fuhren wir voller Hoffnung schwarz mit der Straßenbahn in die Fußgängerzone, in die langersehnte Realität, nachdem es gestern besoffen schon so gut geklappt hatte, waren wir ja nüchtern vielleicht voll der Hit. Götz kommt aus Heidelberg. Sein Job war es, sich auszukennen. Er entschied sich für den dekorativen Platz vor dem psychologischen Seminar, wo wenigstens ab und zu mal gute Frauen rauskommen. Da standen wir fast eine Stunde. Das Ergebnis war niederschmetternd. Von den zwei Mark im Gitarrenkoffer jeder eine Kugel Eis. Weiterziehen. Und weitermachen. Gute Laune verbreiten. Wir hatten nach drei Stationen sechs Mark achtzig verdient. Für zwei Pils hätten wir eine Mark mehr gebraucht, wir gönnten uns ein geteiltes Weizenbier, der Rest wurde in Telefonrationen nach Hause aufgetteilt, Götz quatschte gerade mit seiner Freundin, da machte sich so ein brechtianisch-berlinerisch gestylter Typ, der uns schon die ganze Zeit aus der Distanz zugehört hatte, an Kleinti ran. Konrad aus Berlin, 40, lange Geschichte. Auch mal Straßenmusiker gewesen. London, Paris, New York. Ihr müßt das anders anpacken. Kommt mal mit, ich zeig euch was. Kneipenstich. Irish Pub. Rohrbacher Straße. Zwei Kilometer zu Fuß. Der wollte uns verarschen. Aber wir hatten nur diese eine Chance. Auf dem Weg erzählte er uns seine Geschichte. Ost-Berlin. Fluchtversuch. DDR-Knast. Freigekauft, dann life is fun mit der Gitarre durch die Welt. Alles überlebt. Ihr seid gut, ihr wißt nur noch nicht, wie es geht. Laßt den alten Konrad das mal machen. Im Irish Pub war keine Sau. Aber Konrad stellte uns zwei Bier hin und erzählte uns Geschichten von achthundert Mark Tagesumsatz mit seiner Jim-Croce-Nummer und von der besoffenen Amerikanerin, die ihm in Covent Garden ne Hundertpfundnote ins Schallloch gesteckt hatte. Los, spiel mal einen. Später. Ihr schlaft bei mir, wir haben die ganze Nacht Zeit. Dann ging es um Irland. James Joyce. Guiness. Andrew, drei Guiness. Kleinti erzählte was von der Spirituosenschulung, die er grade im Hotel hinter sich gebracht hatte, und wie sie auf Firmenkosten einen teuren Malt Whiskey nach dem anderen in sich reingeschüttet hätten, das sind so die beschissenen Highlights, mit denen sie einen kaufen. Andrew, drei Malt. Es kamen immer mehr Leute. Irgendwann meinte Konrad, wir sollten jetzt spielen. Jungs, eigene Sachen, am besten das blasphemische Zeug, und bloß nicht die Beatleskacke. Er sorgte dafür, daß die Musik ausgemacht wurde und sagte uns an. Damals hießen wir noch Simon & Widmann. Das blasphemische Zeug. Wir begannen mit Assisi, gefolgt von unserer damals neuesten Nummer, Papst, dann spielte Kleinti solo Süffelmann und Götz ging mit dem Aschenbecher Geld einsammeln. Es gab fett Applaus und 48 Mark nochwas im Aschenbecher. Das war also der Weg. Wir checkten ein paar Kneipen, im Karpfen durften wir dann wieder. Es war kaum noch jemand da, aber wir gaben alles und uns dafür einer dann nen Zehner und meinte, das seien die Songs, auf die er seit Jahren gewartet hätte. Danach waren wir so überzeugt von uns, daß wir nochmal auf der Straße spielten, erheblich schlechter als am Nachmittag, dafür erheblich besser bezahlt. Jetzt wußten wir endlich, wie es ging. Musiker müssen am Abend zur Arbeit gehen. Nach dieser Erleuchtung führte Konrad uns zu sich nach Hause und wir sangen uns gegenseitig die ganze Nacht unsere Nummern vor. Er war verdammt viel besser als Jim Croce. Zum Abschied schenkte er uns sein Piece. Es war mehr als genug für die ganze Woche. Nach dieser Nacht war klar, daß wir unserem Leben eine andere Richtung geben mußten.

*Das Gasthaus zur Bergstraße, früher besser bekannt als Maria, gibt es heute zwar auch noch, aber es ist nicht mehr das gleiche, sie hat den Laden an ihren Sohn übergeben.

 
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