23. Januar 2001
Ab sofort ist Götz mit einer eigenen Seite im Netz: www.goetzwidmann.de. joint-venture.de und harmlos.de bleiben weiterhin online, sollen aber als eine Art Museum weitgehend auf dem Stand erhalten bleiben, wie sie Kleinti hinterlassen hat. [Impressum]

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Exzess in Mönchengladbach

(von Götz Widmann) Unsere vierte CD sollte erst Generation xy ungelöst heißen, was unser Freund Christian mal erfunden hatte, aber unser Freund Totte sagte dann, das hätte er aber auch schon mal bei Wiglaf Droste gelesen, das war dann blöd, weil wer hätte uns schon geglaubt, daß unser Freund Christian das erfunden hatte und nicht Wiglaf Droste. Wir nannten sie dann "Ich brauch Personal", weil das eigentlich noch viel besser zu dem Cover passte. Und an dem wollten wir auf keinen Fall noch was verändern. Wir hatten einen Fotowettbewerb ausgerufen und um möglichst spektakuläre Bilder von versifften Buden gebeten. Es gab einen eindeutigen Gewinner: Süleymann Gülenoglu (Mönchengladbach) hatte das Dreckloch von Joachim Holz (Mönchengladbach) abgelichtet, und das Bild war einfach gut. Es erreichte Traumwerte sowohl in der A-Note (Fortgeschrittenheit des Verschmutzungsgrades) als auch im B-Bereich (Restästhetik). Als Preis hatten wir die Sieger vereinbarungsgemäß vor die Wahl gestellt, zum Putzen oder zum Party machen vorbeizukommen. Sie entschieden sich für ein spätsommerliches Gartenfest. Wir sollten um zwei da sein und um drei spielen, wegen den Nachbarn. Am Abend vorher wurde es aus irgendwelchen Gründen spät. Ich wachte erst um viertel nach zwei auf. Kaum hatte ich realisiert, wo ich war, kam mir, wo ich sein sollte. Anrufen! Ich hatte die Nummer von Süleyman. Aber da sagten Sie, Süley sei schon zu der Party gegangen und sie hätten leider keine Nummer. Ich rief Kleinti an, aber der wußte auch nicht mehr. Also unangekündigt zu spät kommen. Ich versuchte, mich damit zu trösten, daß sowas bei einem Sänger eventuell noch als besonders nonchalant bewundert wird, aber ich hatte meine Zweifel. Ich putzte mir die Zähne, Zunge schrubben nicht vergessen, fett- und kohlehydratreiches Frühstück, Kanne Kaffee, Kaugummi ins Maul und ich war weitgehend fahrbereit. Gitarre schnappen, Jacke brauchst du nicht, ist Sommer. Ich parkte etwas unelegant aus, aber dann ging es. Die Leute glauben immer, Musiker hätten nichts anderes zu tun als zu feiern und sich feiern zu lassen, aber glaubt mir, der wirklich wahre Rock´n´Roll, das ist das Gefühl, wenn du schon wieder völlig verpennt und immer noch besoffen viel zu spät zum nächsten Auftritt rast, weil sie dich schlachten, wenn du sie zu lange warten läßt. Ich holte Kleinti ab, sah auch nicht sehr frisch aus. Wir gaben dem Pferd die Sporen. Es war zwanzig nach drei, und wir waren kurz vor Mönchengladbach. Ich fragte Kleinti nach der Adresse. "Wie, ich dachte du hast die." Das war ein bitterer Schlag. Glücklicherweise war uns beiden klar, daß hier ein ganz mieser Fall von Verstrickung vorlag, wir fingen also nicht an zu streiten, sondern intensiv über eine Lösung nachzudenken. Bei der nächsten Ausfahrt drehten wir um und fuhren Richtung Köln zurück. Vom nächsten Rastplatz aus, trotz der in Grenznähe (und, dies als kleine Randbemerkung, auch auf allen bayerischen Rasthöfen) nie zu unterschätzenden Zöllnergefahr, riefen wir nochmal bei Süley an. Aber die waren jetzt wohl endgültig alle auf die Party gegangen. Wir fuhren weiter. Wir hatten zwanzig Minuten Zeit, uns was auszudenken, zwanzig Minuten bis Köln, die wir jetzt auf jeden Fall zurückfahren mußten, wenn wir irgendwie vorwärtskommen wollten. Wenn wir normalerweise nicht mehr weiter wissen, rufen wir Marion an. Marion ist unsere allwissende Bookerin, die hat immer noch irgendeine relevante Nummer auf irgendeinem Zettel für uns stehen, aber Marion war nicht da. Wir mußten uns selber helfen. Kleinti war sich sicher, daß bei ihm zuhause werde eine Adresse noch sonstirgendwas rumlag. Süley hatte nur meine Nummer. Unsere einzige Hoffnung war, daß sie mittlerweile bemerkt hatten, daß irgendetwas nicht stimmte, bei mir zuhause angerufen und irgendwelche relevanten Informationen hinterlassen hatten. Die Wahrscheinlichkeit war nicht besonders groß, aber alle anderen Wege führten völlig ins Leere. Das hieß Bonn. Eine Stunde hin und eineinhalb Stunden zurück, mit Bleifuß und mit wenig Hoffnung. Ich entschied mich zum xten Mal dafür, endlich das Handy reparieren zu lassen. Auf dem AB war dann tatsächlich eine Nachricht, mit Adresse und Nummer, ich rief an. Eine besoffene Erstsemestergöre nahm offensichtlich unbefugt den Hörer ab, ich nannte mein Problem, sie sagte oh, du bist echt der Götz von Joint Venture, is ja irre, ey hör mal, ich muß dir unbedingt n Lied vorsingen, vielleicht werd ich ja jetzt entdeckt. Ich ließ sie gewähren, alles andere hätte noch länger gedauert, sie war beschissen, aber ich sagte ihr was nettes und fragte dann nach Süley oder Joachim. Es gab ein kurzes Gemurmel, dann war anscheinend irgendjemand dran, der sich auskannte. Ich gab ihm einen umfassenden Überblick über unsere Lage, und er meinte, jetzt seien zwar schon alle besoffen, wir sollten aber trotzdem kommen. Wir atmeten erstmal auf und erreichten ohne weiteren Streß gegen halb sieben mit über vier Stunden Verspätung unser Ziel. Uns bot sich das gewohnte Bild einer Hundertfünfzigleuteparty im Endstadium, allerdings war es Tag, und wir waren nüchtern. Wir ließen uns die Bühne zeigen. In einem großen Raum, der anscheinend kollektiv genutzt wurde, war so eine Art überdimensionales Hochbett aufgebaut, in einer Hippiekommune wie dieser war das wohl der Platz, wo die Gäste schliefen, die sexuell nicht zum Zuge gekommen waren. Das war die Bühne. Wir gingen erstmal in den Garten, um uns ein bißchen zu entspannen. Überall lagen Schnapssleichen rum. Dann spielten wir. Wir gaben ihnen die vulgärste Show, die wir draufhatten, für was anderes waren die eh nicht mehr zu gebrauchen. Nach einer Weile torkelten die ersten Betrunkenen auf die Bühne, weil sie so schön einsachtzig hoch war und sprangen in ein Meer von Armen von anderen Betrunkenen. Das Hochbett wackelte beängstigend, aber dann kamen zweimal die Bullen und drohten mit Abbruch der Veranstaltung, das brachte ein bißchen Ruhe ins Volk. Nachdem sie wieder abgezogen waren, setzten wir unser Programm mit ein paar Balladen fort, damit sie nicht gleich wieder ausflippten. Es klappte ganz gut, wir dachten, wir hätten sie im Griff. Zur Belohnung spielten wir zum Schluß den Landkommunenhippie: alle jetzt noch mal ganz laut den Indianerchor mitsingen, und danach Ruhe für die Nachbarn, okay? Okay. Der Indianerchor war wunderbar, aber das mit der Ruhe danach war eine böse gruppenpsychologische Fehleinschätzung gewesen. Kaum hatten wir unsere Sachen zusammengepackt, stürmte der Stamm die Bühne, hejanaa, nanaananeja, hejanaa, nanaananeja und fing an, auf der zarten Holzkonstruktion einen Regentanz aufzuführen. Ich gebe zu, daß ich das, was dann kam, habe kommen sehen. Aber ich wußte nicht, wie ich es aufhalten sollte. Diese Menschen waren in ihrer Extase über jeden guten Ratschlag erhaben. Wir machten, daß wir wegkamen. Ich ging mir ein Bier besorgen. Offiziell gab es keins mehr, dafür inoffiziell. Ich hatte es noch nicht einmal zum Mund geführt, als das Hochbett nachgab. Ich hörte es knacken, eine halbe Sekunde lang sah man die Tänzer, die grade mal wieder alle auf einmal hochgehüpft waren, noch in der Luft stehen, dann brach die Bühne mitsamt den ganzen Besoffenen zu einer Riesenstaubwolke zusammen und wehklagende Schreie, die selbst die Musik überschallten, waren die nächsten Laute, an die ich mich erinnern kann. Wenn irgendjemand unter dem Hochbett gestanden war, war er jetzt tot. Die Schadensbilanz war nach diesem harten audiovisuellen Flash dann doch relativ unspektakulär. Ein Armbruch, eine Schnittwunde. Eigentlich trugen es alle mit Fassung, sogar die Gastgeber, nur die Schnittwunde war erstmal überhaupt nicht zu beruhigen. Neunzehn Jahre alt, besoffen und unter Schock. Es war klar, daß sie mit ihrem klaffenden Sechseinhalbzentimeterschnitt unter den hygienischen Bedingungen, die hier herrschten, dringend ärztliche Hilfe benötigte. Aber sie schrie nur keinen Arzt, keinen Arzt, ihr Arschlöcher, keinen Arzt. Ischwillnischinskrankenhaus. Als der Arzt da war, stellte sich heraus, daß sie nicht krankenversichert war. Sie kriegte einen Heulkrampf, aber sie ließ sich dann doch halbwegs widerstandslos abtransportieren.. So richtig hoch kam die Stimmung danach nicht mehr. Wir hingen noch ein bißchen in der Küche rum und versuchten, von dem ganzen Streß runterzukommen. Nach all dem verspürte ich das unwiderstehliche Bedürfnis, die Nacht ganz seelenruhig daheim in meinem Bett zu verbringen. Wir entschlossen uns, abzuhauen. Glücklich, noch am Leben zu sein fuhrn wir die Autobahn entlang. Als ich in Bonn abfuhr, entschloß ich mich, doch noch den Umweg über die Tanke zu machen..

 
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